Ein Essay über Erziehungsnormen und den elterlichen Willen, diese zu ändern

In einem Interview mit dem Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach (Das Magazin, 24.10.2025) fällt ein Satz besonders auf: «Meine Eltern waren immer auf der Seite der Lehrer. Als Kind fand ich das ungerecht». Dieses Gefühl kennen viele Schüler*innen.
Nach einem anstrengenden Schultag auf dem Heimweg möchte man gedanklich abschalten. Doch die rot geschriebene Note auf dem Blatt in der Tasche lässt einen nicht los. Die Herausforderung liegt weniger bei der Note selbst, sondern darin, wie man sie den Eltern erklärt, und vor allem darin, wie diese reagieren werden.
Woher kommt diese Angst vieler Schüler*innen vor dem Gespräch über schlechte Noten? Und wie könnte sie vermieden werden?
Eine schlechte Note zu erhalten macht niemanden Freude, vor allem nicht, wenn man stundenlang dafür gelernt hat. Auf diese belastende Enttäuschung folgt die Erkenntnis, dass man sie den Eltern mitteilen muss. Doch wie? Bei einer guten Note wird gefragt, welche Note die Kollegin bekommen hat. Ist deren Note auch nur um wenige Zehntel besser, werden die Augen verdreht. Bei einer schlechten Note wird direkt angenommen, man habe nicht genug gelernt. Man bekommt Kommentare wie: Man hätte doch am Wochenende zu Hause bleiben sollen, um zu lernen. Würden Eltern nicht so reagieren, hätten Schüler*innen nicht das Gefühl, dass diese immer auf der Seite der Lehrkräfte stehen, obwohl sie diese oft gar nicht kennen. Woher kommt diese elterliche Haltung bezüglich der Leistungen ihrer Kinder? Beachtet man die Reaktionen der Eltern auf Noten, so fällt auf, dass diese häufig auf der Seite der Schule sind statt auf der ihrer Kinder. Laut Roland Reichenbach zeigen die Eltern eine kritische Loyalität gegenüber der Schule. Er stellt jedoch fest, dass die ältere Generation kritischer mit dem eigenen Kind umging, besonders wenn es um schulische Leistungen ging. Zudem behauptet er, dass heutige Eltern stärker davon abhängen, ob ihre Kinder sie lieben, als davon, wie deren schulische Leistungen aussehen.
Auf den ersten Blick könnte ich dieser Behauptung zustimmen. Die heutige Gesellschaft hat eine andere Herangehensweise im Umgang mit Kindern als noch die Generation der Grosseltern. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass sich die Reaktion auf eine schlechte Note zwar verändert hat, aber nicht so, wie man es sich wünschen würde. Früher wurde ein Kind bei schlechten Noten beschimpft und musste so lange an den Hausaufgaben sitzen, bis alles perfekt gelöst, verstanden und gemerkt war. Heute läuft es anders: Das Kind wird kritisiert, die Eltern stellen sich auf die Seite der Schule und sprechen Drohungen aus, etwa ein Ausgehverbot. Doch diese Drohungen werden oft nur teilweise oder gar nicht durchgesetzt. Dies lässt sich mit Reichenbachs Aussage erklären: Heutige Eltern sind stärker von der Liebe ihrer Kinder abhängig als frühere Generationen. Sie wollen einerseits ihre Autorität bewahren, was historisch und gesellschaftlich nachvollziehbar ist. Andererseits wollen sie nicht, dass ihre Kinder sie ablehnen.
Hinzu kommt, dass sich viele Eltern heute intensiver mit der Frage auseinandersetzen, wie man ein Kind richtig erzieht. Verschiedene Aspekte der Erziehung werden hinterfragt und diskutiert: Man soll Kindern von klein auf gesunde Kommunikation beibringen, die richtigen Worte verwenden und Konflikte auf gesunde Weise lösen. Diese neuen Erkenntnisse verunsichern viele Eltern und beeinflussen ihr Handeln. Diese Auseinandersetzung mit moderner Erziehung ist grundsätzlich positiv. Allerdings haben viele Eltern nur bruchstückhaftes Wissen über diese neuen Erkenntnisse. Sie versuchen deshalb, so zu handeln, wie sie glauben, dass es heute als richtig gilt, ohne jedoch alle wichtigen Informationen zu haben. Gleichzeitig sind die alten, über Generationen weitergegebenen Erziehungsmuster noch tief verankert. Deshalb reagieren Eltern bei einer schlechten Note einerseits streng und kritisierend, weil dies über Generationen so weitergegeben wurde. Andererseits setzen sie ihre Massnahmen und Drohungen nicht konsequent durch, weil sie nicht wollen, dass ihr Kind sie ablehnt. Dieses widersprüchliche Verhalten führt bei Schüler*innen zu dem Gefühl, dass die Eltern auf der Seite der Lehrer stehen, ohne jedoch konsequent zu handeln.
Insgesamt lässt sich sagen, dass Eltern zunehmend versuchen, richtig zu handeln und zu reagieren. Um dies zu erreichen, benötigen sie jedoch besseren und einfacheren Zugang zu fundierten Informationen über moderne Erziehung. Der Staat sollte Organisationen und Kurse bereitstellen, die Eltern besuchen können, wenn sie ihren Kindern eine gute Erziehung bieten möchten. Persönlich fände ich es sinnvoll, wenn solche Kurse mindestens zweimal, einmal für das Kleinkindalter und einmal für die Pubertät, obligatorisch wären. Der Wille der Eltern, es besser zu machen, ist vorhanden. Die verankerten alten Normen und das mangelnde Wissen führen jedoch dazu, dass Eltern zwar das Richtige tun wollen, aber oft daran scheitern.
Abschliessend ein Wort an Schüler*innen: Auch wenn es oft so aussieht, als ob eure Eltern unnötig streng sind, sie versuchen, ihre veralteten Erziehungsmuster abzulegen. Das braucht Zeit!